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Die verborgene Gesundheitskrise: Warum antimikrobielle Resistenzen eine globale Bedrohung darstellen


Bank Julius Bär & Co. AG

21.02.2024, Antibiotika gehören zwar zu den grössten Entdeckungen der Menschheit, doch hat deren übermässige Verwendung zu einem besorgniserregenden Anstieg der Resistenzen beigetragen. Das bedeutet, dass die entscheidenden Medikamente zur Bekämpfung bestimmter Erkrankungen nicht mehr wirken. Warum ist antimikrobielle Resistenz nicht nur eine grosse Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, sondern auch für die Weltwirtschaft? Entdecken Sie jetzt die Ursachen, Auswirkungen und Lösungen zu dieser Frage.

Schätzungen zufolge hat die zufällige Entdeckung von Penicillin durch den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming im Jahr 1928 bis heute weltweit mindestens 200 Millionen Menschenleben gerettet. Seit der Entdeckung sind neue Antibiotika und andere antimikrobielle Medikamente zur Behandlung verschiedener Infektionen und Erkrankungen entwickelt worden. Dennoch wird die antimikrobielle Resistenz weltweit immer mehr zu einer unmittelbaren Gesundheitsgefahr. Es verwundert daher nicht, dass die WHO die AMR zu einer der zehn wichtigsten globalen Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit erklärt hat, denen die Menschheit im 21. Jahrhundert ausgesetzt ist.

Warum kommt es zu antimikrobieller Resistenz?
Es handelt sich um einen natürlichen Anpassungsvorgang, der eintritt, wenn Krankheitserreger – wie Bakterien, Pilze, Parasiten und Viren – nicht mehr auf die Medikamente ansprechen, die zur Prävention und Behandlung der Infektionskrankheiten eingesetzt werden, die sie bei Menschen, Tieren und Pflanzen verursachen. Es gibt nur spärliche Statistiken zu AMR, doch schätzt die WHO, dass die Bakterienresistenz 2019 weltweit für annähernd 1,3 Millionen Todesfälle direkt verantwortlich war und indirekt zu nahezu 5 Millionen (in Verbindung mit Vorerkrankungen) beitrug.

Die Entstehung von Resistenz gegen antimikrobielle Medikamente ist zwar ein natürlicher biologischer Vorgang, doch können einige Faktoren die Ausbreitung medikamentenresistenter Krankheitserreger beschleunigen. Dazu gehören mangelhafte Hygiene, fehlendes sauberes Wasser und vor allem der unvernünftige, übermässige Einsatz antimikrobieller Mittel im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft und in der Viehzucht. Eine kürzlich in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlichte Studie belegt, dass der weltweite Antibiotikaverbrauch seit der Jahrtausendwende um fast 50 Prozent zugenommen hat.

Die COVID-19-Pandemie hat auch die wirtschaftlichen Probleme aufgezeigt, die durch Infektionskrankheiten verursacht werden, sei es in Form längerer Krankenhausaufenthalte oder des Verlusts von Beschäftigungsmöglichkeiten, mit denen Haushalte mit niedrigem Einkommen sowohl in armen als auch in reichen Ländern konfrontiert sind. Eine konzertierte globale Notfallreaktion auf die Krise ist daher unverzichtbar, wenn der ehemalige Goldman-Sachs-Ökonom Jim O’Neill mit seiner Warnung recht hat: Bis zum Jahr 2050 könnten jährlich 10 Millionen Menschen an den Folgen von Infektionen mit superresistenten Bakterien sterben.

Wie hoch sind die finanziellen Kosten von AMR?
Neben der tödlichen Gefahr, die AMR für die Menschheit darstellen könnte, haben medikamentenresistente Erkrankungen unter Umständen auch negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Wie die Weltbank betont, könnte, wenn das optimistische Szenario mit einem geringen AMR-Effekt eintritt, eine unkontrollierte AMR dazu führen, dass das internationale Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2050 um 1,1 % sinkt. In diesem Fall erscheint die wirtschaftliche Bedeutung von AMR unwesentlich, auch wenn sie mit erheblichen sozialen Konsequenzen einherginge.

Nach einem pessimistischen Szenario mit starkem AMR-Effekt würde die Weltwirtschaft jedoch um fast 4 Prozent schrumpfen und bis 2050 würden weitere 28 Millionen Menschen in die Armut getrieben. Ärmere Länder mit einem unzureichenden Krankheitsüberwachungssystem sind durch den Ansturm von AMR besonders gefährdet. So dürften beispielsweise einkommensschwache Länder im schlimmsten Fall aufgrund der niedrigeren Arbeitsproduktivität und der geringeren Produktion von Nutztiererzeugnissen einen Rückgang beim BIP-Wachstum von etwa 6 Prozent verzeichnen, gegenüber 3 Prozent in einkommensstarken Ländern. Mit anderen Worten: AMR ist nicht nur eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, sondern auch eine Herausforderung für die globale Einkommensgleichheit.

Welche Länder sind von antimikrobieller Resistenz betroffen?
Einkommensschwächere Länder sind mit höherer Wahrscheinlichkeit stärker belastet als wohlhabendere. Von den weltweit 1,3 Millionen Menschen, deren Tod 2019 direkt durch medikamentenresistente Krankheitserreger verursacht wurde, starben rund 400 000 in Südasien. Auf Subsahara-Afrika und den asiatisch-pazifischen Raum entfielen jeweils 250 000 Todesfälle und auf einkommensstarke Volkswirtschaften wie Westeuropa und Nordamerika weniger als 150 000.

Das Ausmass der gesundheitlichen Herausforderung wird noch deutlicher, wenn man die Zahl der Opfer berücksichtigt, die indirekt mit AMR in Verbindung stehen. Von den 5 Millionen AMR-bedingten Todesfällen weltweit, die 2019 auf Vorerkrankungen zurückzuführen waren, entfielen 1,4 Millionen auf Südasien. Darauf folgen Subsahara-Afrika und der asiatisch-pazifische Raum mit jeweils 1 Million Opfern sowie die einkommensstarken Volkswirtschaften mit 600 000 Todesfällen.

Das Auftreten von Superbakterien, bei denen die zur Behandlung übertragbarer Krankheiten eingesetzten Medikamente zunehmend wirkungslos bleiben, stellt für Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen eine grössere Herausforderung dar als für wohlhabendere. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass in der erstgenannten Ländergruppe die Verschreibung von Antibiotika nicht effektiv geregelt ist. Ein Beispiel: Untersuchungen haben gezeigt, dass von den Kindern unter fünf Jahren, die weltweit an AMR starben, mehr als 99 Prozent in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen gestorben sind, und mehr als die Hälfte von ihnen bereits im ersten Lebensmonat. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ihre Ärzte in der Regel eine grosse Menge unnötiger Antibiotika verschreiben.

Zwar sind die ärmeren Länder am stärksten von den negativen Auswirkungen der AMR betroffen, doch auch reichere Länder leiden unter der schleichenden Gesundheitskrise. So schätzt der Europäische Rat beispielsweise, dass AMR möglicherweise Kosten in Höhe von knapp 1 Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben in Europa verursacht. Wenn eine Infektion auf eine antimikrobielle Erstlinientherapie nicht anspricht, die oft die sicherste Option für die behandelte Person ist, greifen die Gesundheitsfachkräfte gegebenenfalls auf stärker wirkende Alternativen wie Zweit- und Drittlinienmedikamente zurück. Unter Umständen steigen die Kosten, wenn Patienten aufgrund einer längeren Krankheits- oder Behandlungsdauer länger im Krankenhaus bleiben müssen. Abgesehen vom finanziellen Aspekt sind in Europa jährlich 800 000 Personen von medikamentenresistenten Infektionen betroffen, von denen 35 000 versterben.

Was bedeutet das für Anleger?
Ein neues Geschäftsmodell ist erforderlich. AMR ist eine der grössten globalen Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit, denen die Menschheit im 21. Jahrhundert ausgesetzt ist. Die Weltgemeinschaft muss sich daher dringend mit den Herausforderungen auseinandersetzen, die mit der abnehmenden Wirksamkeit der antimikrobiellen Medikamente gegen sich ständig weiterentwickelnde Krankheitserreger verbunden sind. Diese können auf vielfältige Weise schwere Erkrankungen bei ihren Wirten verursachen. Es gibt jedoch einige Hürden, die wichtige Akteure der Branche wie Pharmaunternehmen daran hindern, neuartige antimikrobielle Medikamente auf den Markt zu bringen.

Erstens sind Arzneimittelhersteller möglicherweise mit hohen Kosten für die Forschung, Entwicklung und Kommerzialisierung neuer antimikrobieller Medikamente konfrontiert. Infolgedessen könnten sie diese als unrentabel erachten.

Darüber hinaus tragen meistens reiche Volkswirtschaften einen grösseren Teil der Forschungs- und Entwicklungskosten für innovative Antibiotika, die einkommensschwächere Länder oft dringend benötigen. Daher befassen sich einige Unternehmen lieber mit gewinnbringenden Therapiebereichen wie der Onkologie. Dies hat zur Folge, dass die Entwicklungspipeline für antimikrobielle Resistenzen beschnitten wird.

Überdies werden neue Antibiotika in Reserve gehalten und nur als letztes Mittel bei tödlichen Infektionen eingesetzt, um die Resistenzentwicklung zu begrenzen. Sie werden daher nicht in grossen Mengen verkauft. Dies ist einer der Hauptgründe dafür, dass Wissenschaftler erst vor Kurzem eine völlig neue Klasse von Antibiotika entdeckt haben, was zuletzt in den 1980er Jahren gelang.

AMR ist weniger ein wirtschaftliches als vielmehr ein soziales Problem, das die Zusammenarbeit verschiedener Akteure entlang der Wertschöpfungskette erfordert.


Dr. Damien Ng, Next Generation Research-Analyst

Insofern ist klar, dass die Antimikrobiotikabranche ihr Geschäftsmodell für alle wichtigen Akteure entlang der Wertschöpfungskette reformieren muss. Dazu gehört zudem die Förderung wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung für langfristige, neuartige Lösungen wie neue Antibiotika, Bakteriophagen und Impfstoffe, um die künftige Gesundheitssicherheit zu gewährleisten. Sinnvoll wäre auch die Förderung eines Ökosystems, das verschiedene AMR-Akteure des privaten und des öffentlichen Sektors umfasst.

Derzeit sehen wir im Hinblick auf die Aktienmärkte noch keine interessanten Anlagegelegenheiten im Zusammenhang mit AMR. Dies ist auf die hohen Risiken des Sektors in Bezug auf die mangelnde Rentabilität, das begrenzte Wachstumspotenzial und die extrem geringe Börsenkapitalisierung von AMR-Unternehmen zurückzuführen. Wie bereits erwähnt, ist AMR weniger ein wirtschaftliches als vielmehr ein soziales Problem, das die Zusammenarbeit verschiedener Akteure entlang der Wertschöpfungskette verlangt. So verzeichnen einige der ärmsten Länder der Welt eine hohe Belastung durch medikamentenresistente Infektionen.

Anleger, die in diesem Bereich investieren möchten, können auch die folgenden gesundheitsbezogenen Anlage-Unterthemen in Betracht ziehen, die unter das Next Generation- Thema «Lebensstile im Wandel» fallen.

Über Bank Julius Bär & Co. AG:
Julius Bär verwaltet seit über 130 Jahren Kundenvermögen und bietet seinen Kunden als vertrauenswürdiger Partner einen in jeder Hinsicht individuellen, ganzheitlichen Beratungsansatz. Dank unserer Wurzeln als Familienunternehmen wissen wir, was langfristige Beziehungen wert sind und welche Herausforderungen und Chancen die Vermehrung, der Schutz und die Weitergabe von Vermögen bereithalten. Bei allem, was wir tun, ziehen wir Inspiration aus unserem Leitbild: Mehrwert schaffen, der über das Finanzielle hinausgeht.

Julius Bär ist in über 25 Ländern und an mehr als 60 Standorten präsent. Mit Hauptsitz in Zürich sind wir an wichtigen Standorten vertreten wie etwa in Bangkok, Dubai, Dublin, Frankfurt, Genf, Hongkong, London, Luxemburg, Madrid, Mailand, Mexiko-Stadt, Monaco, Mumbai, Santiago de Chile, São Paulo, Schanghai, Singapur, Tel Aviv und Tokio. Unsere kundenorientierte Ausrichtung, unsere objektive Beratung auf der Basis der offenen Produktplattform von Julius Bär, unsere solide finanzielle Basis sowie unsere unternehmerische Managementkultur machen uns zur internationalen Referenz im Wealth Management.

Die Aktien der Julius Baer Group Ltd. sind an der SIX Swiss Exchange kotiert (Ticker- Symbol: BAER). Sie sind Teil des Swiss Leader Index (SLI), der die 30 grössten und liquidesten an der SIX Swiss Exchange gehandelten Bluechip-Unternehmen umfasst.

Quellen:
Aktuellenews    HELP.ch


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